Die Markttechnik ist ein trendfolgender Handelsansatz, der vor allem im deutschsprachigen Raum verbreitet ist, wo er insbesondere durch den Trader und Autor Michael Voigt bekannt gemacht wurde. Sie basiert auf der Dow-Theorie, die Charles Henry Dow Ende des 19. Jahrhunderts entwickelte. Die Dow-Theorie ist nicht nur für die Markttechnik eine wichtige Grundlage: Auch viele andere Methoden der technischen Analyse greifen auf ihre Prinzipien zurück.
Wie unterscheidet sich die Markttechnik von der klassischen Chartanalyse?
Die Markttechnik zählt zu den Methoden der technischen Analyse und bildet die Grundlage der klassischen Chartanalyse. Die Chartanalyse arbeitet mit Kursmustern und Indikatoren und versucht, aus vergangenen Kursen künftige Entwicklungen abzuleiten. Die Markttechnik versucht dagegen, sich in die einzelnen Marktteilnehmer hineinzuversetzen, um künftige Kurse vorwegzunehmen. Sie verzichtet daher vollständig auf Chartformationen und Indikatoren – Handelsentscheidungen werden am „nackten“ Chart getroffen, allein auf Basis des Kurses. Die Formationen der klassischen Chartanalyse lassen sich mit der Markttechnik dennoch gut erklären. Eine Schulter-Kopf-Schulter-Formation etwa ist markttechnisch betrachtet nichts anderes als eine Trendwende.
Markttechniker betrachten einen Chart stets mit zwei Fragen im Hinterkopf:
Wo entsteht Bewegung?
Wer kauft nach mir?
Die Antworten finden sich an markanten Punkten im Chart, an denen Marktteilnehmer in der Regel zu bestimmten Handlungen gezwungen sind. Ein gutes Beispiel für eine solche Zwangshandlung ist der Stop. Aus Gründen des Risikomanagements haben die meisten Marktteilnehmer irgendwo einen Initial-Stop platziert, meist an einem markanten Hoch oder Tief. Wird der Stop-Kurs erreicht, wird die Order zur Market-Order und damit in jedem Fall ausgeführt. Das wiederum kann heftige Bewegungen an den Märkten auslösen.
Traden mit Markttechnik
Beim Traden mit Markttechnik geht es nicht darum, immer recht zu behalten. Letztlich hat nur der Markt immer recht, und bestenfalls lassen sich Aussagen über künftige Marktentwicklungen mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit treffen – was für jede andere Analysemethode genauso gilt. Ziel ist es daher, einen konsistenten Handelsstil mit reproduzierbaren Ergebnissen zu entwickeln. Das bedeutet auch, dass es technisch korrekte Trades gibt – exakt nach den Regeln ausgeführt –, die dennoch mit einem Verlust enden. Man spricht dann von technisch korrekten Verlusttrades. Entsprechend gibt es vier Arten von Trades:
- technisch korrekter Gewinntrade
- technisch korrekter Verlusttrade
- technisch inkorrekter Gewinntrade
- technisch inkorrekter Verlusttrade
Die Qualität eines Trades bemisst sich also daran, ob er regelkonform war, und nicht allein an seinem Ergebnis.
Wie funktioniert die Markttechnik?
Das Traden mit Markttechnik ist ein trendfolgender Ansatz, daher ist der Trend das wichtigste Werkzeug des Markttechnikers. Wann ein Trend als Trend gilt, wie er entsteht und wann er gebrochen ist, ist ein eigenes, umfangreiches Thema und wird ausführlich im Artikel über Trends behandelt.
Trader müssen versuchen, sich in die Lage anderer Marktteilnehmer zu versetzen, denn ein Gewinn lässt sich nur realisieren, wenn anschließend weitere Teilnehmer in derselben Richtung in den Markt einsteigen. Vor der Eröffnung einer Long-Position sollte man sich daher fragen: Wer kauft nach mir? Bei einer Short-Position lautet die Frage: Wer verkauft nach mir?
Deshalb ist es wichtig zu wissen, wo man sich befindet. Ist der Markt in einem Aufwärts- oder in einem Abwärtstrend? Befindet man sich gerade in einer Bewegung oder in einer Korrektur?
Um diese Fragen zu beantworten, beschreibt die Markttechnik Trends mithilfe der sogenannten Punktezählung.

Punkt 1 markiert den Beginn der ersten Bewegung und ist das erste Tief.
Punkt 2 markiert das Ende der ersten Bewegung und ist das erste Hoch.
Punkt 3 markiert das Ende der ersten Korrektur und ist das zweite Tief, das höher liegen muss als das erste.
Anschließend wird ab Punkt 2 weitergezählt: Das nächste Hoch, das über dem vorherigen Punkt 2 liegt, wird zum neuen Punkt 2.
Der Trend – hier ein Aufwärtstrend – entsteht, sobald die Käufer den Kurs erstmals über Punkt 2 treiben. Er bleibt intakt, solange der Kurs nicht unter den letzten Punkt 3 fällt. Im Abwärtstrend wird spiegelbildlich gezählt: Punkt 1 ist ein Hoch, Punkt 2 ein Tief und Punkt 3 ein tieferes Hoch.
Kombination zweier Zeitebenen
Markttechniker kombinieren in der Regel zwei Trendgrößen. Die übergeordnete Trendgröße – die Großwetterlage – gibt die Richtung vor, während die untergeordnete Trendgröße – die Signallage – das Timing des Einstiegs bestimmt.
Großwetterlage: das „Wo“
Die Großwetterlage wird auch als das „Wo“ bezeichnet, denn hier verortet man sich im Markt: Befindet man sich in der Bewegung oder in der Korrektur? Als Trendfolger versucht man stets, während einer Korrektur in den Markt einzusteigen, um ein möglichst gutes Chance-Risiko-Verhältnis zu erzielen. Deshalb wartet man auf Ebene des „Wo“ immer auf die Korrektur. Charts, die sich auf Ebene des „Wo“ bereits zu weit in der Bewegung befinden, werden sofort aussortiert; nur Werte, die sich in einer Korrektur befinden, schaffen es auf die persönliche Watchlist.
Signallage: das „Wie“
Die Signallage wird auch als das „Wie“ bezeichnet, denn hier geht es darum, wie man am besten in den übergeordneten Trend einsteigt. Innerhalb einer Korrektur zeigt die Signallage Anzeichen dafür, dass der übergeordnete Trend wieder aufgenommen wird – etwa durch ein untergeordnetes 1-2-3 oder einen Umkehrstab.
Der folgende Chart zeigt ein gutes Beispiel dafür, wie Großwetterlage und Signallage kombiniert werden:

Trading-Setups (Einstiege) in der Markttechnik
Punkt-2-Trade
Beim P2-Trade wartet man darauf, dass sich in der Signallage ein Trend ausbildet, der den übergeordneten Trend der Großwetterlage bestätigt.
Einstieg in der Korrektur
Beim Einstieg in der Korrektur wartet der Trader, bis sich in der Signallage ein Trend gebildet hat, der den übergeordneten Trend bestätigt, und wartet dann darauf, dass dieser neue Trend der Signallage seinerseits korrigiert.
Unscharfer Einstieg
Der unscharfe Einstieg verdankt seinen Namen dem Umstand, dass man nicht auf ein Signal in der Signallage wartet. Stattdessen steigt man direkt in der Großwetterlage ein, sobald die Korrektur nahezu 100 % der vorherigen Bewegung zurückgelaufen ist.
Da das Thema komplex ist, werden die Setups im Artikel über Trading-Setups in der Markttechnik ausführlich erklärt.
Stops
Jeder professionelle Trader hat ab dem Moment der Positionseröffnung eine Stop-Loss-Order im Markt, denn dadurch wird das eingegangene Risiko kalkulierbar. Trader, die ohne Stops handeln, werden es sehr schwer haben, langfristig profitabel zu traden. Neben dem Initial-Stop gibt es viele weitere Stop-Arten und Stop-Strategien, die Trader benötigen. Sie werden ausführlich im Artikel über Stopregeln in der Markttechnik behandelt.